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Mittelalterliches Wallfahrtsziel

Die Heiligsprechung Karls des Großen führte in vermehrtem Maße dazu, dass Pilger nach Aachen kamen, um am Grabe dieses bedeutenden Kaisers des Mittelalters zu beten. Neben den Gebeinen des Herrschers waren es aber insbesondere auch die vier großen Aachener Heiligtümer, die man in Aachen verehrte. Das Kleid Mariens, die Windeln Jesu, das Enthauptungstuch des Täufers Johannes und das Lendentuch von Jesus sollen bereits zur Zeit Karls des Großen aus Jerusalem nach Aachen gelangt sein und zur unmittelbaren Ausstattung der Pfalzkapelle gehört haben.
Das Aachener Domkapitel gab zur Aufbewahrung dieser Reliquien den Auftrag, einen kostbaren Schrein zu fertigen. Nach dem Karlsschrein entstand in Aachen mit dem Marienschrein ein zweiter großer Schrein. Die Fertigstellung des Marienschreins ist für 1239 überliefert.

 
   
   
   
 
Marienschrein
Foto
Domkapitel Aachen (Matz & Schenk)
 
     
 
Neben dem Karlsschrein zählt der Marienschrein zu den bedeutendsten Goldschmiedearbeiten überhaupt. In Form einer einschiffigen Basilika mit kurzem Querhaus gehalten, wurden am Marienschrein mehr als 1.000 Edelsteine eingearbeitet. Auf den beiden Langseiten befinden sich die Figuren der Apostel. Auf den vier Stirnseiten sind Papst Leo III., Christus, Karl der Große mit dem Modell seiner Pfalzkapelle und die Muttergottes mit Kind dargestellt. Die Dachflächen zeigen als Reliefprogramm Szenen aus dem Leben Jesu.
 
 
 

Während zunächst in der karolingischen wie romanischen Zeit die verehrungswürdigen Reliquien in ihren Behältnissen und Laden verblieben, wuchs während der Gotik immer stärker das Bedürfnis, die Reliquien zu sehen. Die erste Zeigung der Heiligtümer ist für das Jahr 1312 belegt. Vermutlich gab es zu dieser Zeit noch keinen festen zeitlichen Rhythmus zur Zeigung der Reliquien. Erst ab dem Jahre 1349, als Europa von der Pest heimgesucht und die Epidemie rund ein Drittel der Bevölkerung dahinraffte, findet die Zeigung der Aachener Heiligtümer bis heutezu alle sieben Jahre statt.
Im 14. und 15. Jahrhundert galt Aachen wegen seiner herausragenden Reliquien neben Jerusalem, Rom und Santiago de Compostela als bedeutendster Wallfahrtsort der Christenheit.

Die Krönungsfeierlichkeiten in der Pfalzkapelle und der starke Pilgerandrang während der Heiligtumsfahrten führten zwangsläufig zu einer baulichen Veränderung der Pfalzkapelle.
Im 14. Jahrhundert erhielt der karolingische Westturm eine Galerie, von der man aus den Gläubigen die Heiligtümer besser zeigen konnte. Auf die beiden Wendeltreppenaufgänge setzte man kleine Heiligtumskammern.
Wahrscheinlich auf Betreiben Karls IV. entschloss sich das Domkapitel dann schließlich zum Bau einer großen Chorhalle. Dieser Baukörper führte zu einer vollkommenen Veränderung der einstigen Pfalzkapelle. Der kleine karolingische Chorraum wurde niedergelegt, an seine Stelle errichtete man als Meisterwerk der gotischen Baukunst die Chorhalle.
Obschon Oktogon und Chorhalle stilistisch völlig verschieden waren, gelang die harmonische Verbindung zwischen Altem und Neuem sowohl in technischer wie auch in architektonischer Hinsicht in beeindruckender Weise. Die Baumeister gingen sogar so weit, das Zahlensystem des karolingischen Zentralbaus aufzugreifen und beim Bau der Chorhalle, die über einen sechzehnteiligen Grundriss verfügt, fortzuführen. Die Wände bestehen fortan nicht mehr aus Steinen. Der Steinanteil ist auf das statisch Notwendigste begrenzt. Statt dessen sind große Glasflächen zum Gestaltungselement des Baukörpers geworden; einem Glashaus gleich. In Aachen werden die vergleichbaren Vorgängerbauten nicht nur in der Art der Konstruktion, sondern auch in ihrer Größe übertroffen. Mehr als 1.000 qm Glasfläche geben der Chorhalle bereits im Mittelalter die Bezeichnung „Glashaus von Aachen“. Mit ihren rund 27 m hohen Glasfenstern verfügt die gotische Chorhalle des Doms über die größten Fenstern der Gotik überhaupt.

 
   
   
   
 
Chorhalle, Innenansicht
Foto Pit Siebigs
 
     
 
Die Gotik ist die Zeit der Glasfenster. Erstmals in der Baugeschichte können die Gläubigen die Heilsgeschichte in Fensterbildern ablesen. Die Aachener Chorhalle greift die Idee und Gestalt der französischen Hofkapelle Sainte-Chapelle in Paris auf. Sie ist konzipiert als rechteckiger Langchor und verfügt über zwei Gewölbejoche. Die Baumeister griffen das Zahlensystem des karolingischen Kernbaus auf und führten es mit dem sechzehnteiligen Grundriss der Chorhalle fort. War bereits der bauliche Anschluss an das Oktogon für die Baumeister keine einfache Aufgabe, so lag das besondere Wagnis der gesamten Konstruktion vor allem auf den bewussten Verzicht von Strebepfeilern zur Aufnahme des Seitenschubes der Gewölbe.
 
   

Mit der Fertigstellung der Chorhalle am 28. Januar des Jahres 1414, dem sechshundersten Todestag Karls des Großen, und dem Bau eines Kapellenkranzes rund um das karolingische Oktogon ist aus der Pfalzkapelle eine mächtige und imposante Kathedrale gewachsen.

 
   
 
   
Chorhalle, Schlussstein Christus
Foto Pit Siebigs
 
   
Im Gewölbe treffen die Rippen auf insgesamt acht plastisch gestaltete Schlusssteine. Als letzte Figur ist im Osten Christus mit der Siegesfahne dargestellt.
 
   
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